Some1Elsewhere

Some1Elsewhere

Die Freiheit, nicht eindeutig zu sein.

Felix Barth arbeitet als Produzent, Songwriter und Komponist unter einem Namen, der sich jeder festen Verortung entzieht. Hinter den wechselnden Perspektiven steckt allerdings eine ziemlich konkrete Auseinandersetzung: mit Erwartungen, mit Zugehörigkeit und mit dem Aufwand, eine eigene Haltung zu behalten.

Vielseitigkeit ist eine der meistüberschätzten Eigenschaften in Künstlerbiografien. Auch eine ordentlich gefüllte Playlist ist vielseitig. Interessant wird es erst, wenn hinter unterschiedlichen Formen ein Gedanke erkennbar bleibt. Bei Some1Elsewhere ist das die Spannung zwischen zwei Bedürfnissen, die sich selten sauber miteinander vereinbaren lassen: unabhängig zu sein und trotzdem verstanden zu werden.

Felix Barths Alias passt dazu. Some1Elsewhere klingt nach jemandem, der gerade nicht dort ist, wo man ihn erwartet. Der Name lässt Platz für andere Perspektiven, andere Stimmungen, andere Versionen derselben Person. Man könnte das als Ausweichmanöver lesen. In den Themen seiner Songs steckt allerdings auffällig viel direkte Konfrontation.

EGAL beispielsweise bewegt sich in einem vertrauten Terrain: Selbstbehauptung gegen die Urteile anderer. Daraus lässt sich problemlos eine jener Unabhängigkeitshymnen machen, die ihre Botschaft so lange wiederholen, bis jede Unsicherheit verschwunden scheint. Interessanter ist hier die durchlässige Stelle in der Haltung. Die Abgrenzung hat etwas zu schützen. Hinter dem demonstrativen Desinteresse bleibt die Möglichkeit, getroffen zu werden.

Egal (feat. Niobe Savoy) [Live]

Hear this passage — 0:27

Genau dort bekommt das Material Kontur. Vollständige Unverletzbarkeit ist als Fantasie verständlich, als künstlerischer Ausgangspunkt aber ziemlich schnell erschöpft. Wer nichts mehr an sich heranlässt, hat irgendwann auch wenig zu erzählen.

Wir sind die verschiebt diese Auseinandersetzung ins Gemeinschaftliche. Das Einzelne behauptet sich nicht länger nur gegen seine Umgebung, sondern findet Halt im Gegenüber. Überforderung und Leistungsdruck verschwinden dadurch nicht. Es steht lediglich jemand daneben. Das ist eine weniger spektakuläre Vorstellung von Zusammenhalt als die große Erlösungsgeste, aber eine ergiebige: Nähe braucht hier keine vorherige Reparatur.

Wir sind die

Hear this passage — 0:27

Fandl im Wind dreht dieselbe Frage um. Hier wird mit Zugehörigkeit bezahlt, wo es weder Bonus noch Posten gibt. Der Song spielt dort, wo Haltung am billigsten zu haben ist: vor dem Kaffeeautomaten, am Stammtisch, im Feed. Die naheliegende Pointe wäre der Fingerzeig auf die anderen. Barth nimmt sich selbst nicht aus: „Des is aa a Währung. Und de wirkt bei mir aa.“ Und ausgerechnet auf „I bin unabhängig“ antwortet der Song mit „Wer hod da des gsagt?“.

Barth schreibt Bairisch, weil es für ihn stark und echt klingt und weil er sich Bayern tief verbunden fühlt. Den Spott spricht also einer, der selbst dazugehört.

Fandl im Wind

Hear this passage — 0:27

Barths Hintergrund im Kommunikationsdesign und in der Art Direction gibt diesem Projekt einen zweiten Bezugspunkt. Klang, Sprache und Bild gehören zu seinem gestalterischen Repertoire. Dabei liegt gerade für einen Gestalter eine produktive Schwierigkeit in der Musik: Ein überzeugendes Erscheinungsbild kann Aufmerksamkeit herstellen. Was diese Aufmerksamkeit trägt, muss tiefer liegen. Eine Oberfläche lässt sich schließen. Ein interessanter Song darf etwas offenhalten.

Zwischen den dunklen Motiven von Broken Chains, der Selbstbehauptung in EGAL, dem bairischen Spott von Fandl im Wind und dem instrumentalen Breeze of Portugal spannt sich entsprechend kein lückenloses Konzept. Eher entsteht ein Raum, in dem unterschiedliche Impulse nebeneinander bestehen können. Schwere bekommt ein Gegengewicht. Sprache kann wechseln, ins Englische, in den Dialekt, oder ganz aussetzen. Ein Projekt, das Konflikte verhandelt, muss nicht jeden Moment im Konflikt verbringen.

Darin liegt auch die Herausforderung dieser Offenheit. Ein neuer Stil ist noch keine neue Perspektive, und ein anderer Schauplatz macht eine Geschichte nicht automatisch interessanter. Der stärkste Ansatzpunkt von Some1Elsewhere liegt deshalb in den wiederkehrenden Spannungen unter der jeweiligen Form: Widerstand, der Verletzlichkeit nicht ausschließt. Nähe, die Eigenständigkeit zulässt. Fantasie, die etwas vom wirklichen Leben mitnimmt.

Am deutlichsten steht diese Spannung in Falling. Der Refrain setzt mitten im Sturz ein: „I’m falling, but I won’t hit the ground.“ Abgewehrt wird nur der Aufprall. Das ist dasselbe Motiv wie das „Ich bin immer noch da“ in EGAL und das „Immer noch da“ in Wir sind die, nur auf Englisch und mit mehr Wetter.

So betrachtet ist das Anderswo im Namen weniger fern, als es zunächst klingt. Barth beschäftigt sich mit ziemlich gegenwärtigen Fragen. Er räumt sich nur die Freiheit ein, ihnen nicht jedes Mal als dieselbe Figur zu begegnen.

Eine eindeutige Marke wäre leichter zu erklären. Eine bewegliche künstlerische Identität hat mehr zu entdecken.

Felix Barth, der Künstler hinter Some1Elsewhere — Porträt in Nahaufnahme